
Die Idee hinter dem Buch
Was ist ein Bullet Journal eigentlich?
Wer heute nach „Bullet Journal“ oder kurz „BuJo“ sucht, landet ziemlich schnell bei wunderschönen Notizbüchern: aufwendig gezeichnete Monatsübersichten, Tracker, kleine Doodles, Brushlettering, Sticker und Washi Tape.
Das kann alles Teil eines Bullet Journals sein.
Aber ursprünglich hatte das Ganze mit hübscher Gestaltung erstaunlich wenig zu tun.
Die eigentliche Idee hinter dem Bullet Journal war viel simpler: Ein einziges Notizbuch sollte dabei helfen, Gedanken festzuhalten, Aufgaben zu organisieren, Termine nicht zu vergessen und gleichzeitig herauszufinden, was im eigenen Leben wirklich wichtig ist.
Wer hat das Bullet Journal erfunden?
Entwickelt wurde die Bullet-Journal-Methode von Ryder Carroll, einem Digital Product Designer aus New York.
Carroll erzählt selbst, dass er bereits als Kind mit ADHS große Schwierigkeiten mit Ablenkung, Aufschieben, Überforderung und Organisation hatte. Weil ihm damals kaum geeignete Hilfsmittel zur Verfügung standen, begann er, mit etwas sehr Einfachem zu experimentieren:
Stift und Papier.
Über viele Jahre probierte er unterschiedliche Möglichkeiten aus, Informationen, Aufgaben und Gedanken so festzuhalten, dass sie für ihn funktionierten. Vieles davon verwarf er wieder, anderes entwickelte er weiter. So entstand nach und nach das System, das später als Bullet Journal Method bekannt wurde. Interessant ist dabei: Carroll setzte sich nicht hin und beschloss eines Tages, ein neues Planungssystem zu erfinden. Das Bullet Journal entstand vielmehr aus einem persönlichen Problem heraus. Er brauchte eine Methode, mit der er seinen eigenen Kopf besser sortieren konnte.
Vom persönlichen Notizbuch zur öffentlichen Methode
Lange Zeit war Carrolls System nur für ihn selbst gedacht und hatte noch nicht einmal einen Namen. 2007 zeigte er seine Methode erstmals einer anderen Person. Die Reaktion darauf brachte ihn auf den Gedanken, dass sein System möglicherweise auch anderen Menschen helfen könnte. 2013 wurde daraus schließlich ein öffentliches Projekt. Carroll startete bulletjournal.com und veröffentlichte dort eine Anleitung zu seiner Methode. Am 8. August 2013 ging die Seite mit einem Tutorial und Schritt-für-Schritt-Erklärungen online.
Innerhalb kurzer Zeit wurde das Konzept von verschiedenen Medien aufgegriffen und verbreitete sich im Internet. Gleichzeitig entstanden Communities, in denen Menschen begannen, ihre eigenen Varianten und Anpassungen des Systems miteinander zu teilen.
Damit begann im Grunde die Entwicklung vom persönlichen Organisationssystem zum weltweiten BuJo-Phänomen.
Was war die ursprüngliche Idee?
Carroll beschrieb sein Bullet Journal in einem frühen offiziellen Tutorial als:
“an analog system for the digital age”
Also sinngemäß: ein analoges System für das digitale Zeitalter. Und genau das trifft den ursprünglichen Gedanken ziemlich gut.
Während wir heute Informationen über Kalender, Apps, Erinnerungen, Notizen, E-Mails und zig andere digitale Orte verteilen, sollte im Bullet Journal alles an einem Ort zusammenlaufen.
Dafür braucht man im Grunde nur:
ein Notizbuch und einen Stift.
Keine Sticker.
Keine Brushpens.
Kein Washi Tape.
Und definitiv keine künstlerische Begabung. 😉
Die Gestaltung, die wir heute so stark mit Bullet Journaling verbinden, kam durch die Community hinzu und ist eine Möglichkeit, ein BuJo zu benutzen – aber nicht die Voraussetzung dafür. Auch die offizielle Bullet-Journal-Seite betont ausdrücklich, dass aufwendige Zeichnungen und schönes Lettering Extras sind und nicht zum Kern der Methode gehören.
Das Herzstück: Rapid Logging
Eine der wichtigsten Ideen des ursprünglichen Systems nennt sich Rapid Logging. Statt lange Tagebucheinträge oder komplizierte To-do-Listen zu schreiben, werden Informationen möglichst kurz festgehalten. Dafür verwendet man verschiedene sogenannte Bullets – kleine Zeichen vor einem Eintrag. Sie zeigen beispielsweise, ob etwas eine Aufgabe, ein Ereignis oder einfach eine Notiz ist.
Dadurch kann aus einem normalen Notizbuch gleichzeitig ein Kalender, eine Aufgabenliste, ein Gedankenparkplatz, eine Projektsammlung und ein persönliches Archiv werden. Rapid Logging ist bis heute eines der zentralen Elemente der Bullet-Journal-Methode.
Und daher kommt übrigens auch der Name:
Bullet Journal.
Die „Bullets“ sind nicht einfach nur hübsche Aufzählungspunkte. Sie bilden die kleine, schnelle Sprache, mit der das Journal geführt wird.
Ein Buch, das mit dir entsteht Ein weiterer entscheidender Unterschied zu einem normalen Kalender ist, dass ein Bullet Journal nicht vollständig vorgegeben ist.
Bei einem klassischen Kalender steht schon fest:
Montag kommt hierhin.
Dienstag kommt dorthin.
Hier ist die Wochenübersicht.
Dort sind die Notizen.
Im Bullet Journal entsteht die Struktur dagegen erst während der Benutzung. Du brauchst heute eine Seite für eine Einkaufsliste?
Dann machst du sie. Morgen möchtest du Gedanken zu einem Projekt sammeln?
Dann kommt diese Sammlung einfach auf die nächste freie Seite.
Damit man später trotzdem alles wiederfindet, gehört ein Index zum ursprünglichen System. Dort werden wichtige Inhalte zusammen mit ihren Seitenzahlen eingetragen.
Das Journal passt sich dadurch seinem Besitzer an – und nicht umgekehrt. Nicht alles muss mitgeschleppt werden
Besonders spannend finde ich einen weiteren Bestandteil der ursprünglichen Methode: die sogenannte Migration.
Offene Aufgaben werden nicht automatisch immer weitergeschoben.
Stattdessen schaut man regelmäßig darauf und entscheidet:
Ist das überhaupt noch wichtig? Wenn ja, wird die Aufgabe bewusst in den nächsten Monat oder an eine andere passende Stelle übertragen. Wenn nein, darf sie verschwinden. Und das erneute Aufschreiben ist dabei ganz bewusst ein kleiner Aufwand. Carrolls Gedanke dahinter: Wenn etwas nicht einmal wichtig genug ist, um es noch einmal aufzuschreiben – warum sollte es dann weiterhin unsere Aufmerksamkeit bekommen? Migration soll deshalb helfen, Wichtiges von unwichtigem „Rauschen“ zu unterscheiden.
Damit wird aus einer einfachen To-do-Liste plötzlich etwas anderes:
Eine kleine regelmäßige Entscheidung darüber, womit wir unsere Zeit eigentlich verbringen möchten.
Vom Organisationssystem zur bewussten Planung
Genau hier steckt ein Teil der Bullet-Journal-Idee, der zwischen all den hübschen BuJo-Bildern manchmal ein bisschen verloren geht.
Es geht nicht ausschließlich darum, produktiver zu werden. Im Laufe der Entwicklung seiner Methode rückte Ryder Carroll immer stärker die Frage nach dem Warum in den Mittelpunkt.
Nicht nur:
Was muss ich erledigen?
Sondern auch:
Warum mache ich das überhaupt?
Welche Aufgaben sind wichtig?
Welche Ziele bedeuten mir wirklich etwas?
Womit verbringe ich meine Zeit – und möchte ich meine Zeit überhaupt damit verbringen?
Heute beschreibt die offizielle Bullet-Journal-Seite die Methode deshalb als eine Verbindung aus Organisation, Achtsamkeit und Selbstreflexion. Sie soll dabei helfen, Vergangenes festzuhalten, die Gegenwart zu organisieren und die Zukunft zu planen.
Und wo kommen dann all die hübschen BuJos her?
Nachdem Carroll seine Methode veröffentlicht hatte, begannen Menschen auf der ganzen Welt, sie an ihre eigenen Bedürfnisse anzupassen. Und genau das lässt das System ausdrücklich zu. Aus einfachen Monatsübersichten wurden gestaltete Monatscover.
Zu Aufgabenlisten kamen Habit Tracker. Menschen ergänzten Mood Tracker, Bücherlisten, Erinnerungsseiten, Zeichnungen, Sticker, Washi Tape, Lettering, Fotos und ganze kreative Themenwelten. So entstand neben der ursprünglichen Organisationsmethode eine riesige kreative Bullet-Journal-Community.
Und ich finde, genau darin liegt heute ein großer Teil des Charmes:
Ein Bullet Journal darf minimalistisch sein. Es darf aber genauso gut komplett eskalieren.
Du kannst mit einem schwarzen Kugelschreiber und einem einfachen Notizbuch anfangen.
Oder du sitzt irgendwann vor 73 Brushpens, zwölf Rollen Washi Tape und diskutierst mit dir selbst darüber, ob Salbeigrün oder Altrosa besser zum September passt. 😄
Beides ist Bullet Journaling.
Denn hinter all der Gestaltung steckt immer noch dieselbe Grundidee:
Du baust dir ein Notizbuch, das zu deinem Leben passt.
Nicht zu Pinterest. Nicht zu Instagram. Nicht zu irgendeiner vermeintlichen BuJo-Regel.
Zu dir.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Sache, die man als Anfänger über ein Bullet Journal wissen sollte. Du musst kein perfektes Bullet Journal führen. Du musst nur herausfinden, wie dein Bullet Journal dir helfen kann.
Quellen & Weiterlesen:
Für diesen Beitrag habe ich überwiegend die offiziellen Informationen von Ryder Carroll und Bullet Journal verwendet:
Bullet Journal – What is the Bullet Journal Method?
Ursprung der Methode, Grundidee, Rapid Logging und Intentionalität.
Ryder Carroll – persönliche Entstehungsgeschichte
Carroll beschreibt dort seinen Umgang mit ADHS und die jahrelange Entwicklung seines Systems mit Stift und Papier.
Bullet Journal – About / Timeline
Entwicklung der Methode, erste Weitergabe 2007 und Veröffentlichung 2013.
Bullet Journal – Story
Offizielle Geschichte des öffentlichen Starts von Bullet Journal am 8. August 2013 und der anschließenden Verbreitung.
Bullet Journal – New to Bullet Journal? Start here!
Grundlagen zu Rapid Logging, Migration und der heutigen Bullet-Journal-Praxis.
Bullet Journal – Migration 101
Erklärung der Migration und des bewussten Aussortierens unwichtiger Aufgaben.
Bullet Journal – The Index
Funktion und Aufbau des Index.
Ryder Carroll – How to Bullet Journal (2015)
Offizielles Einführungsvideo zur Methode.